"High-End ist jedes System, das gut genug ist, alle Sinne zu erfassen und beim Hören die Aufmerksamkeit zu behalten, das man nichts anderes machen will.

Es muss nicht unbedingt teuer sein.

Nur geschickt zusammengebaut. "

 

Michael Fremer, 

(aus dem Russischen)

 

Der Endverstärker Technics SE-A100 wurde bei Matsushita zwischen 1985 und 1989 gebaut.

Als Nachfolger von SE-A3MK2 (SE-A3 <= SE-A1 ) ist er zum Erscheinungszeitpunkt das Spitzenmodell der Technics Verstärkerproduktion.

Das ca. 34 kg leichte Gerät ist ein (Zitat vom Technics Chronicle) :

 

"Class AA 200 W + 200 W Power Amp with Incredibly Low 0.0009% Distortion."

 

Schaltungstechnisch wurde er von Technics 1985 als völlige Neuentwicklung vorgestellt (etwa so wie heute die R1) .

Ein Versuch diese zu erklären führt zunehmend in die Untergeschosse der Verstärkertechnik,

und ich stehe noch weit am Anfang, derartiges zu begreifen.

 

Um sie zu verstehen muss man wissen, das Hifi-Verstärker in häufiger Form aus zwei Verstärkerbaugruppen  (pro Kanal) bestehen.

Stets wird das Eingangssignal in einen Spannungsverstärker (Bauweise Class A) eingekoppelt, welcher es dann in eine Stromverstärkungsstufe (Bauweise Class B) weitergibt.

Rückkopplung (LFB, NFB usw.. ) sorgt für Steuerung und linearen Anstieg.

Class A Verstärker -> Verzerrungsarm, aber ineffizient (Ruhestrom notwendig um den Arbeitspunkt zu verschieben -> Wärme, Stromverbrauch) .

Class B Verstärker -> kein Ruhestrom, sehr gute Effizienz, jedoch Neigung zu großem Klirrgrad (Verzerrungen).

(liegt am Arbeitspunkt eines Bipolar Transistors.

Der liegt bei ca. 0,7 V - Signale mit kleinerer Ausschwingung (Amplitude) bewirken kein "Öffnen" - würden also bei Class B gar nicht verstärkt ) .

Das ist bekannt - daher koppelt man beide Aufbauarten nacheinander, wie eingangs geschrieben.

Im Ergebnis dessen erhält man den klassischen "Class AB" Verstärker.

Dieses System funktioniert so gut, das es in sehr vielen Transistorverstärkern Einsatz findet.

Hoffentlich funktioniert der Erklärungsversuch einigermaßen.

Bei Technics nun versuchte man dieses System zu  perfektionieren.

Das "direkte" klassische Verschalten der beiden Typen (ClassA, ClassB) beeinflusst die empfindliche Class A Baugruppe.

Es bestand daher die Aufgabe solche Effekte zu eliminieren. 

 

Die Story erzählt, das ein Team fähiger Ingenieure monatelang Überstunden machte um das Problem zu lösen.

Das letztendlich der Leiter des Teams das Prinzipbild eines Class AB Verstärkers an der Stelle der direkten Kopplung mit der Schere durchtrennte...

Nachzulesen im 88er Katalog von Technics, zusammen mit dem entsprechenden Bild.

Wie viele nette Geschichten hat auch diese einen Kern, bzw. ein Wunschgedanken...

 

... der geht von einen reinen Class A Stufe aus, die einerseits zwar mit einer Class B Stufe gekoppelt ist (um effizient hohe Leistungen zu erreichen).

Andererseits aber  völlig losgelöst und unbeeinflusst von all dem was durch die Kopplung entsteht spielen kann.

A und B müssen dafür völlig separat aufgebaut sein (Getrennte Stromversorgungen und Schaltungen) .

A (voltage control amp.) und B (current drive amp.) müssen auf neue Art miteinander gekoppelt werden. 

 

Diese Art der Kopplung bezeichnet Technics als Class AA Bridge. Sie ist aufgebaut aus einer Brückenschaltung fein aufeinander

abgestimmter Widerstände zwischen beiden Verstärkerschaltungen, wie man auf den beiden Bildern erkennt.

(Der Widerstand "Ry" (unten rechtes Bild) regelt die "BridgeBalance" . Die zu justierende Spannung beträgt weniger als 1 mV (0.7 mV .)

 

DAS wurde als "Class AA" , 

(Die Art Class A Und B über eine solche Brücke zu verbinden)

und "VC4 Amplifier-System"

(für die eben 2x2 Verstärker)

bezeichnet.

 

Es kann sein, das diese Schaltweise auf eine Publikation von Dr. A.M. Sandman ( "Reducing Amplifier Distortion" ) aus dem Jahr 1982 zurück zu führen ist.

Beschrieben in der englischen "Wireless World" 10/82) .Er zeichnete etwas ganz ähnliches und nannte es "Class S" .

Das Prinzip ist auch hier zu finden.

Sie waren sich so ähnlich, das es mutmaßlich zu Patentgesprächen mit Matsushita kam.

Man könnte den SE-A100 daher auch möglicherweise als "Sandman-Verstärker" bezeichnen ;-) 

 

Faktisch hat Technics aber das Ding in Serie gefertigt, und das ist eine beachtliche Leistung, weil der Aufwand enorm ist.

Bei der Umsetzung einer Theorie in Praxis, merkt man was alles vergessen wurde.

SE-A100 ist der erste (Technics) Endverstärker, welcher mit diesem Prinzip materialisiert wurde.

Vielleicht brachte ihm auch das seinen Platz im Chronicle von Technics.

 

http://www.technics.com/global/chronicle/se-a100/

 

Und auch das einzige Modell dieser Art, das je als Version für den europäischen Markt konfektioniert wurde.

Sein Design war so erfolgreich das es in Japan ein Verkaufsschlager wurde, zumal der Preis (gemessen am Aufwand) durchaus vertretbar war.

Es hat jedoch den Anschein, als ob der Verstärker außerhalb Japans bei weitem nicht so stark abgesetzt wurde wie im Inland.

Japaner haben gemeinhin eine etwas differenzierte Wertvorstellung.

Könnte sein, das die drei Folgemodelle (bis 1999 verkauft), SE-A5000, SE-A7000 und SE-A7000 V.4 auch aus diesem Grund nur als "Japan Version" verfügbar waren.

Möglich, das man nunmehr der Auffassung folgte, diese Geräte lohnen nicht für den europäischen Markt.

(SE-A5000 vollkommen identisch gebaut, die 7000er identisch im Core-Design.)

Folglich ist SE-A100 (als Euro Version) extrem rar mit Potential zur echten Hi-Fi Antiquität zur werden.

 

Ein  weiterer Grund für den recht geringen Erfolg des SE-A100 in Europa mag der etwa doppelte Preis,

gegenüber dem fast zeitgleich gebauten SE-A5MK2, sein.

Er wird nachvollziehbar, wenn man beide Systeme nebeneinander stellt, (geöffnet erst recht) .

Dabei ist der SE-A5MK2 nicht etwa schlecht, sondern eher das Gegenteil, weil gepfeffert gut !

Im Preis/Leistung Verhältnis attraktiver.

 

Ein Vergleich beider Geräte ist so sinnvoll, wie einen Künstler und einen Manager beruflich gegenüber zu stellen.

Sie sind tadellos verarbeitet, beide verstärken präzise, nahezu linear, und beide zeigen keinerlei Schwächen im Design.

(die Tatsache allein, das im Alter von über 30 Jahren ein Gerät (in seinem Auslieferungszustand (!) ) noch einwandfrei funktioniert, soll das Argument sein. ) 

"Klanglich" schenken sie sich so gut wie nichts.

SE-A100 hat jedoch die signifikant höhere Leistung, also mehr Druck bei marginal differenzierter Auflösung. 

Summasumarum...

SE-A5MK2 SU-A6MK2 ist ein perfekter Endverstärker der oberen Hifi Klasse, erfüllt hohe audiophile Ansprüche und kann in normalen Wohnräumen die Tassen rasseln lassen und die Polzei auf den Plan rufen, falls den Nachbarn die Mucke nicht gefällt.

 

SE-A100 (+ Vorverstärker SU-A200)  ist ein High-End System,

Ein solches Gerät / System  geht über das Notwendige hinaus. 

Entweder technischer Natur (Auch SE-A1 / SU-A2) , oder durch "reinpumpen" höchstgütiger Materialen (Gold, Platin, Silber, massive Kupferteile) .

Kombiniert mit "teuren" Designs :-), Oder von allem ein bisschen ;-) . 

 

Das "High-End" der SE-A100 "beschränkt" sich weitgehend darauf, das technisch machbare zu stemmen.

(So wie einst zuvor SE-A1 und SU-A2, doch bei weitem nicht in deren Ausmaß),

So wie ein Hauch von Luxus dazu zu geben.

Technisch zeigt sich das im Einsatz von drei diskreten Netzteilen, der Verwendung von Modulen, die 3-fach magnetischen Abschirmung der Baugruppen,

sowie 2-Deck Aufbau (ähnlich wie ein Röhrenamp.) .

Es sind über 100 Transistoren verbaut, Relais mit vergoldeten Kontakten, aufwendige Verdrahtung (viel gebonded).

Gut möglich das viele Bauteile engtoleriert bzw. selektiert sind. (Auf fast allen Widerständen ist der Goldring drauf) . 

Dick dimensionierte Trafos, ebensolche Siebung mit. 91.200 uF , gut ein halbes Dutzend Feinsicherungen (Euro-Version) - um nur das offensichtliche aufzuzählen.

"Luxuriös" sind  das 10 mm dicke bronzierte Frontglas, oben und unten 45 Grad angeschliffen, der Einsatz von viel Aluminium.

Die LED-Console aus ALU, die Tipstasten aus Alu. 

Der obere Deckel ist aus 3mm Stahlblech (Man kann ihn nicht verbiegen ohne Technik) . 

Sehr liebenswert, die kleinen Details, in Form erhabener Applikationen. Naja - Indianer mögen Glasperlen ... ;-)

Witzig und "technicstypisch" finde ich, das der gleiche einfache Plastikknopf für Netz an-aus verwendet wird, wie in allen anderen Geräten von Technics auch.

(die in jener Zeit gebaut wurden. ) Das ist japanische Pingeligkeit und Pedanterie wie sie bei technischen Dingen gar nicht so verkehrt ist. 

Die Bildbeispiele sind vom Gerät AW6819A005, das wenn die Übersetzung der Seriennummer stimmt, am 19.August 1986 bei Technics in Japan etikettiert wurde.

Es ist in einem selten schönen Zustand, was Rückschluss auf sehr pfleglichen Umgang seitens der Besitzer erlaubt.

Dessen ungeachtet sind 31 Jahre Lebensalter Grund es einer Inspektion zu unterziehen.  

In deren Rahmen erster Teil wurde dem Staub und allem was sich im Laufe der Jahre ablagerte, der Garaus gemacht, Bauteile inspiziert (wo offensichtlich gleich getauscht), Lötverbindungen erneuert, und damit das Gerät innen und außen wieder rein optisch auf Niveau Werkzustand gehievt.

(Im zweiten Teil geht es um rein elektrische Parameter, die Bauteile werden dann noch genauer maßgenommen, Messungen kommen dazu und schlussendlich mittels Audioanalytik die Beantwortung der Frage ob ein SE-A100 auch nach über 30 Jahren seine Werksparameter erreicht / erreichen kann. )

Das alles natürlich im bescheidenen Umfang dessen, was mit einfachen Mitteln machbar ist.

(Zwei Digitalmultimeter, 2-Kanal Osz., Komponententester, Frequenzgenerator, Lastwiderstände, Audioanalyser  .

 

Zunächst die Bilder vom Ausgangszustand.  

Dabei fiel auslaufendes Elektrolyt auf (begünstigt durch Hochkant stellen) und das Gerät ging damit aus dem Rennen. 

Im weiteren Vorfeld wurde dann auch gleich die Font demontiert.

Danach ging es ans Ausbauen der Verstärker.

Die Aufsteckmodule entfernen u. Stromverstärker Endmodule ausbauen. Angenehm, die sorgfältig verarbeiteten Kabelenden.

Next Step: - Der Spannungsverstärker (Voltage Control Amp. ) gewissermaßen das "Herz" ;-) ) . 

Dabei stieß ich auf Spuren vorangegangener technischer Aktivität . Offenbar gab es bereits einen Eingriff.

(Die Beschriftung der Kabelfarben auf der Platine - cool. )

Möglich das das bereits über 25 Jahre zurück ist, wo es noch keine Digicam & Tablet gab. Unentbehrliche kleine Helferlein... ) 

Und aufgrund der Art, wie die Lötstellen gemacht waren, konnte ich gut erkennen das R171, R172 getauscht worden waren.

Wir werden herausfinden, warum - später. Hier die Fotos vom Ausbau.

(Die Lötungen habe ich korrigiert und die Platine partiell spezialgereinigt. Fotos weiter unten) .

Weitere Bilder der unteren Sektion. Hier residieren die Stromversorgung in Form dicker Brückengleichrichter, überhaupt jegliche Stromversorgung, der Amp. für die VUs. Die Relaisplatine vorm Terminal, sämtliche Sicherungen und die in Handarbeit gemachte Verkabelung mit Wickelverbindungen. Hier habe ich lediglich die Relais runtergenommen bevor das Ganze in die Reinigung ging . Die Platinen lassen sich leicht umklappen. Man hatte mitgedacht.

Zwischenzeitlich war Gelegenheit sich nach Ersatz für die Siebelkos umzutun.

Grundsätzlich mag ich nix auslöten, solange es nicht kaputt ist. 

Da aber wenigstens ein Elko abließ, mussten sie leider raus.

(Also nur die Siebelkos) .

Sie sind auch mehr durch Ripplestrom belastet als andere, die unter "reiner" Gleichspannung stehen. 

So wie sie untenrum aussehen, haben sie wahrscheinlich auch nicht mehr lange zu leben.

Die "Notventile" zeichnen sich deutlich unter den Kunststoffabdeckungen ab.

Oben sind 4 ausgebaute. Reihe unten - neue. 

Bedauerlicherweise bekam ich keine Original Panasonic Elkos, die hier gepasst hätten.

Im freien Handel scheinen einfach keine mehr verfügbar.

Darum sind nun CDEs drin.

http://www.cde.com/

Scheint, als hätten sie Kapazität in Kapazitäten ;-)

 

Das sind made in U.S.A. mit 3000h, guten ESR und Ripplwerten bei 10.000uF/100V (125v Surge) - (Typ 382LX).  Wir werden sehen wie sie halten.

Zeit auch, um sich die Module ein wenig genauer anzusehen. Current Drive Rechter Kanal. Gereinigt und nachgelötet, Bauteile erneuert.

Current Drive - Linker Kanal. Gereinigt, nachgelötet, Bauteile erneuert.

Voltage Amp. Platine gereinigt und nachgelötet. (Das war ja weiter oben bereits erwähnt. Die Schrift hätte ich gern draufgelassen ;-) ) 

Gern gebrauchtes Schlagwort - "Twin Mono" . Nix. Beide Kanäle - eine Stromversorgung (Der mittlere etwas kleinere Trafo ) , eine Platine. 

Aber eine Augenweide für E-Freaks wie mich.

Zusammenbau. Das ist für mich immer wieder der schönste Teil. Die Stunden rennen dabei.

Die nun folgenden Bilder zeigen den (Wieder) Zusammenbau, kann man fast sagen . Reborn ;-) 

Und weiter geht's - Steckmodule wieder rein und danach die Front wieder montiert. Nachdem auch alle Glühlämchen erneuert waren. 

Keine war defekt, aber sie waren bereits ziemlich geschwärzt. 

Ups - fast vergessen - da ist noch das, was hinter der Front versteckt ist. Eine kleine Logik, für die Terminalauswahl, die A100 hat selbstverständlich Tipptasten, und die Ansteuerung der LEDs.  

Na ja... und dann war es soweit. 

Ca. 25h "Arbeit" bis zu dieser Stelle.  Aber - dieser SE-A100 sieht nun beinah aus wie neu.

Wiedereinschalten nach fast 10 Tagen dranrumbasteln.

Kritsche Blicke über das komplexe Etwas... Stromanschliessen...Netztaste betätigen ...

LEDs Standby/V-Amp : blink, blink - Klick - V-Amp OK, LEDs Standby/C-Drive : blink, blink - C-Drive OK...

... Nur noch Standby blink, blink: wechsel von grün auf rot - finales Relais zieht mit Klick an und - Voila ! :-) - An und Ready ist der Amp. !

 

Ganz ehrlich - ich habe 5 Minuten danach ein Kreuz geschlagen, Gott gedankt - und dieses Bild geschossen !

(Und ja - im Flur auf dem Boden - falls es doch rummst - ich habe Mordsrespekt vor einem Teil wie diesem und den Kräften die darin am Werke sind ) .

Aber ging alles gut - Der Verstärker ging an, als ob er nie aus gewesen war.

Zum Ende dieses Teils, noch meine "Lieblingsbilder" daraus - Vielleicht gefallen sie ja. 

Fortsetzung folgt - mit dem was sich nun alles aus den Messungen ergab ;-)

Kleine Idee. Mag eigentlich keine Modifikationen, schon gar nicht, die Sachen verbasteln. Doch beim Anblick der sehr leicht befestigten Lämpchen in der VU-Meter Beleuchtung, Soffitten - konnte ich dann doch der Versuchung nicht widerstehen. 

Außerdem war mir aufgefallen, das die Glühsoffitten die Front beträchtlich aufheizen, was auch ins innere geht.

Also packte ich handelsübliche LED Soffitten (Farbe, Kaltweiß) rein.

Nun blieb nicht nur die Front kühl, sondern auch farblich sieht das nun ein wenig anders aus ;-)

Also nahm ich mal ein Bild auf - Gespielt habe ich nur bisschen mit den Einstellung des Fotoapparates...